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3. März 2012

Al gran sole carico d'amore

Azione scenica in zwei Teilen von Luigi Nono



    2:15 h | inklusive 1 Pause
    Adresse
    Kraftwerk Mitte | Trafo
    Köpenicker Str. 70
    10179 Berlin

    Anfahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln
    U-Bahn: U8 (U Heinrich-Heine-Straße oder S+U Jannowitzbrücke)
    S-Bahn: S3 | S5 | S7 | S75 (S+U Jannowitzbrücke)
    Bus: 265 (Heinrich-Heine-Straße)




    VORWORT
    Werkeinführung 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn
    • Inhalt

      Director's Synopsis - Katie Mitchell:

      »Al gran sole carico d’amore« beschreibt einige Schlüsselereignisse in der Geschichte des Kommunismus und deckt einen Zeitraum von 100 Jahren ab: von der Pariser Kommune im Jahr 1871 bis zum Vietnamkrieg in den 1960er und 70er Jahren. Das Libretto besteht aus einer Reihe von Zitaten aus historischen und fiktionalen Dokumenten von Autoren wie Marx, Lenin, Brecht, Pavese und »Che« Guevara. Es gibt keine »Personen«, wie man sie in einer normalen Oper erwarten würde, und auch keine traditionell gefertigten »Szenen«. An einigen Stellen fügt Nono Auszüge aus Brechts Stück »Die Tage der Commune« und Dramatisierungen von Ereignissen aus Gorkis Roman »Die Mutter« ein, doch bilden diese nur kurze opernhafte Episoden innerhalb einer fragmentierten Landschaft aus Zitaten.

      Nonos Dokumentation von ausgewählten Ereignissen in der Geschichte des Kommunismus ist insofern einzigartig, als sie den Fokus auf die Frauen richtet, die an dieser Geschichte teilhatten: Diese Frauen – seien es Guerilla-Kämpferinnen oder Mütter – bilden den emotionalen Kern der Oper. Die Zitate aus ihren Schriften oder auch Augenzeugenberichte über die Ereignisse, in die sie involviert waren, verleihen Nonos Geschichte des Kommunismus eine ganz persönliche Prägung. Die Produktion stellt fünf von diesen Frauen in den Mittelpunkt.


      ERSTER TEIL

      Dieser Teil handelt im Wesentlichen von den Ereignissen rund um die Pariser Kommune von 1871, als die Arbeiter die herrschende Autokratie stürzten und zum ersten Mal die Macht in die eigene Hand nahmen. Für viele, wie etwa Lenin und Nono, markiert die Kommune die Geburt des Kommunismus. Das Material über die Kommune verschränkt Nono mit Verweisen auf Ereignisse, die über 80 Jahre später in Kuba und Bolivien stattfanden, als politische Aktivisten wie Ernesto »Che« Guevara für die Freiheit von der Tyrannei der herrschenden Militärjuntas kämpften.

      In der ersten Hälfte stellt die Produktion zwei Personen des realen Lebens ins Zentrum, die zu verschiedenen Zeiten für die Sache des Kommunismus kämpften: Louise Michel (1830–1905) und Tania Bunke (1937–1967).

      Louise Michel kämpfte auf den Barrikaden, die die Arbeiter während der Zeit der Pariser Kommune errichteten, und wurde nach dem Fall der Kommune vor Gericht gestellt und zu sieben Jahren harter Arbeit in Neukaledonien verurteilt. Sie kehrte 1880 nach Paris zurück und arbeitete bis zu ihrem Tod weiter für die Sache des Kommunismus. Sie starb im Januar 1905 allein in einem Hotelzimmer, unverheiratet und kinderlos.

      Tania Bunke wurde 1937 in Argentinien geboren, nachdem ihre Eltern 1935 aus Deutschland geflohen waren. 1961 ging sie nach Kuba und übernahm dort eine aktive Rolle im Aufbau des neuen kommunistischen Staates, wobei sie an der Seite von Personen wie »Che« Guevara arbeitete. 1964 wurde sie als Spionin nach Bolivien entsandt, wo sie unter falscher Identität lebte und wertvolle Informationen über den von der Rechten regierten Staat lieferte. 1966 schloss sie sich einem Guerilla-Regiment an, das im Dschungel agierte, und am 31. August 1967 wurde sie in einem Hinterhalt getötet. Ihr Körper fiel in den Rio Grande und wurde erst Tage später fluss­abwärts schrecklich aufgedunsen gefunden.

      Die dritte Person ist eine im Heute lebende Frau, die ein aufgelassenes Museum erkundet, das einst eine Ausstellung über Kommunistinnen – unter ihnen Louise Michel und Tania Bunke – beherbergte.
      Am Ende des ersten Teils führt Nono eine der zentralen Figuren des zweiten Teils ein: die russische Mutter. Diese Frau mit Namen Pelageja Nilowna ist eine fiktive Figur, die Maxim Gorki in seinem Roman »Die Mutter« erfand.


      ZWEITER TEIL

      Dieser Teil befasst sich mit einer größeren Vielfalt an Personen, Ländern und politischen Ereignissen – von der Kubanischen Revolution 1953 bis hin zum Vietnamkrieg –, und viele der Personen sind erfunden (wie die Prostituierte Deola aus Cesare Paveses Gedichten) und symbolischeren Charakters (wie die Figur der russischen Mutter). Zwar gibt es auch hier noch manche historischen Personen – etwa Celia Sánchez und Haydée Santamaría (Kämpferinnen beim Angriff auf die Moncada-Kaserne, dem Beginn der Kubanischen Revolution) –, doch sie tauchen nur kurz im Libretto auf. Die Produktion konzentriert sich auf drei fiktionale Figuren: die russische Mutter, die Turiner Mutter und Deola.

      Pelageja Nilowna, »Die Mutter«, ist eine Arbeiterfrau, deren Sohn Pawel in einer Moskauer Eisenfabrik arbeitet. Durch Pawels politische Aktivitäten wird die Mutter nach und nach in den Kampf für den Kommunismus involviert. Einmal wird sie ertappt, als sie illegal Flugblätter verteilt (eine Szene, die Nono in diesem Teil vertont), und auch ihr Sohn stirbt als Folge seiner politischen Tätigkeit.

      Deola ist eine Prostituierte im Turin der 1940er Jahre und basiert auf einer Figur in den Gedichten von Cesare Pavese.

      Die Turiner Mutter durchlebt die politischen Turbulenzen zur Zeit des Streiks in den Fiat-Werken in den 1950er Jahren. Ihr Ehemann und ihr Sohn nehmen an den industriellen Aktivitäten teil, und auch sie wird involviert.

    • Pressestimmen

      »Das Mysterium lebt in Nonos Klangsprache, die dem Meer gleicht, mit seiner gespannten Stille, seinen Wellen, die alles Gegenständliche auflösen und im Fluss halten, unaufhörlich … Mit Ingo Metzmacher wacht ein umsichtiger Dirigent über die Partitur des Venezianers, die trotz des harten Takts der Unterdrückungsmaschinerie den Klang immer wieder aufbricht und für das Zarte, das dolcissimo, atmet. Die großbesetzte Staatskapelle flicht engmaschigste Klangwände und hält souverän die Spannung aus. Der Staatsopernchor unter Eberhard Friedrich kann sich mit Nelke im Knopfloch ganz auf seinen fordernden Part konzentrieren, von darstellerischen Aufgaben weitgehend entbunden ebenso wie die treffsicheren Gesangssolisten.« (Der Tagesspiegel vom 3.3.2012)

      »Mit der Aufführung des provokanten Werks im Kraftwerk Mitte ist die Staatsoper ein großes Risiko eingegangen – optisch und dramaturgisch. Aber es hat sich gelohnt … Katie Mitchells Regiearbeit ist zweifellos gelungen. Die Engländerin konnte sich auf keine einzige szenische Anweisung Nonos stützten, sie musste das Stück für die Bühne komplett neu erfinden. Und (schaffte) eindringliche Bilder.« (Berliner Morgenpost vom 3.3.2012)

      »Luigi Nonos 'Al gran sole carico d’amore', uraufgeführt 1975, kommt hier im Kraftwerk Mitte erst wirklich zu sich. Und das in doppelter Hinsicht: Zum einen spielt Nonos 'Azione scenica' zwar im privaten Raum, reflektiert aber unmittelbar die Auseinandersetzungen der Industriegesellschaft. Die handlungsbestimmenden Frauen kämpfen um die Emanzipation der selbstbestimmten Arbeit als humane Hoffnung. Und zum anderen hat Nonos Musik, das hört man wohl ein halbes Menschenleben nach der Premiere und im Lichte der seitherigen Entwicklungen besser, tatsächlich auch eine religiöse Dimension, die hier mit der Gewalt des Raumes vielleicht sogar besser korrespondiert als in der Salzburger Felsenreitschule.« (Märkische Allgemeine vom 3.3.2012)